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Sonntag 01 Oktober 2006
30 Jahre Eintopf - Yamaha XT/SR 500
Blogger verlinken gerne auf Geburtstage, wenn denn etwas technisches zu feiern gilt. Denn Blogger sind Techno-Geeks – grundsätzlich, pauschal und immer! Diesmal feiern wir keine Person sowie kein MP3-Player. Denn ersteres kann man persönlich auf der Schulter rumklopfen, während zweiteres nett gestreichelt weiterhin überwiegend belanglose Unterhaltung abdudelt. Weder Person noch Player nehmen einem irgend etwas übel, sofern die üblichen Verhaltensmaßstäbe eingehalten werden – nicht einmal Fehlbedienungen infolge mißverstandener Bedienungsanleitungen. Wenn man sich als netter Mensch sonst innerhalb gängiger Konventionen bewegt, läuft man höchstens Gefahr, als langweiliger Zeitgnosse abgestempelt zu werden. Auf jeden Fall gibt es nichts oder niemanden, der einen die Knochen bricht. Es sei denn, es soll eine Yamaha XT 500 gestartet werden...
Vor etwa dreißig Jahren erblickte die – nagelt mich da jetzt nicht
auf den einen oder anderen einen Monat fest – XT
500 das Licht der Welt. Zumindest in Deutschland. Bereits ein Jahr
zuvor rasten die ersten Maschinen Offroad über Japan. Irgendwann 1977
wurden die neue Motorradgeneration namen Enduro
offiziell in der BRD eingführt. Zwischenzeitlich hatte man als gerade
volljähiger Pubertierling mit einem druckfrischen 'Einser' in der viel
zu engen, ärschlings getragenen Jeanshosentasche etliche
Schwierigkeiten, so einen Eintopf zu starten. Geschweige denn bei einer
eventuellen anlassabhängigen Straßenverkehrskontrolle die im Tacho
angezeigten Meilen in Kilometer umzurechnen.
Mit der XT 500 wurden mehrere unterschiedliche Entwicklungen in der Motoradgeschichte verenigt. Zunächst sollte man die längeren Federwege, Grobstollenreifen sowie den Einylinder-Viertaktmotor nennen. Diese Verfeinerungen entstammten der damaligen westlichen Praxis, eine Straßenkarre auch mal für Feldwege und Sandstrände tauglich zu machen. Aber die englischen Einflüsse solle man nich unterschätzen: Ein Drehmoment erzeugt aus machbar viel Hubraum verteilt auf maximal wenige Zylinder – ein einziger Zylinder mit einem halben Liter Hubraum entwickelt recht viel Drehmonent. Kurzum: ein Dreh am Gasgriff bricht dir dein scheiß Genick. Die Japaner waren in der Lage, für recht wenig Geld viel Gefühl zu liefern.
Angenehm waren der breite Lenker, eine schmale Bauweise sowie ein tiefer Schwerpunkt. Das Mopped war manövrierbar wie nur was. Unangenehm war die lausige 6-Volt-Bordspannung. Aber egal, ein Biker sollte seine Strecke kennen – auch bei Kerzenlicht. Unangenehmerweise war der fehlende Elektrostarter ein fortwähend bleibendes Manko; das Motorrad musste auf übelste, mechanischtichste Weise gestartet werden – mittels eines wohl platzierten Fußtrittes unter zuhilfenahme eines Hebels: Dem Kickstarter. In späteren Modifikationen der Serie wurde unter anderem die Bordspannung auf zeitgemäße zwölf Volt angehoben, aber ein Anlasser fehlt bis heute. Was natürlich den fahrenden Weizen vom zusachauenden Spreu trennt und reichlich Raum für Anekdoten lässt.
Die Kickstartprozedur sollte man schon kennen. Die simple Art war die weiße Markierung im Schauglas rechts oben am Zylinderkopf. Dazu musste nur der Dekompressionshebel gezogen werden, damit sich der Kolben mittels Kickstarter bewegen lies. Irgendwann erschien im Schauglas die weiße Markierung und zeigte an, dass sich der Motor in der Startposition befand. Alles andere war jetzt simpel: Dekompressionshebel loslassen, den eigenen Körper mit einer gewissen Sprungtechnik nach oben bewegen um Schwung zu holen, um gleich darauf alle Bewegungsenergie samt Körperkraft in den rechten Fuß zu konzentrieren, der sich auf dem Starterhebel befand. Als Ergebnis trat man den Kickstarter schwungvoll nach unten durch. Es sah sehr männlich aus. Wenn die Startprozedur auf anhieb klappte, waren einem bewundernde Blicke aller Zuschauer garantiert.
Vertrackter wurde es, wenn das Schauglas aufgrund nachträglich und unsachgemäß eingefügter Dichtungen undurchschaubar wurde. Dann waren grundsätzliche Kenntnisse des Ottomotors unabdingbar. Durch eine geschickte Bedienung des Kompressionshebels sowie des Kickstarters musste der Kolben kurz von den zweiten oberen Totpunkt gebracht werden. (Kurz vor dem Ausstoßen) Klappte dies nicht, gab es Fehlzündungen.
Schlechte Filme stellen so etwas als lautes Knallen mit einer explosionsartig aus dem Auspuff austretenden Qualmwolke dar. Dummerweise wird in der Realität unter ungünstigen Umständen der Kolben in die falsche Richtung bewegt. Dabei überträgt sich die Kraft via Kupplung in das Getriebe, wird dabei durch die Mechanik in eine höhere Geschwindigkeit übersetzt und treibt schlußendlich den Kickstarter an, auf dem sich der Fuß des Motorradfahres befindet. Es soll Leute gegeben haben, die es tatsächlich unter allgemeinen Gejohle der umstehenden Zuschauer über den Lenker hob…
Soweit zur rein technischen Beschreibung. Aus eigener Erfahrung fühlte sich eine Fehlzündung in etwa so an: Mein Fuß, der sich noch auf dem Ausgangspunkt der gesamten Mechanik befand, wurde nach oben beschleunigt. Bewegte das daran befestigte Schienbein samt oberhalb befindlicher Kniescheibe mit einer brachialen Gewalt an die Unterseite der rechten Lenkerhälfe, wo alles abruppt stoppte. Noch während des Schocks dachte ich mir angesichts der vielen Zuschauer: Halt bloß die Fresse! Dann ließ der Schock nach und das kleine häufchen Elend, was ich darstellte, war nur noch von einem Gefühl erfüllt: *wimmer*
Dennoch befand sich kurze Zeit darauf eine SR
500 in meinem Besitz, da die angenehmen Erinnerungen überwogen. Die
Entscheidung beruhte auch darauf, dass ich keinerlei Ambitionen für
Offrad-Aktivitäten besaß und die SR praktisch ein Motorrad im englischen
Stil war. Technisch war sie mit der XT im wesentlichen identisch, was
Rahmen, Elektrik und Motor betraf. Der englische Stil bezieht sich auf
den drehmomententwickelnden Eintopf gepaart mit einer bequemen
Sitzposition und gutmütigen Fahreigenschaften. Weitere unterschiedliche
Details waren im wesentlichen der größere Tank, ein sehr breiter Lenker
sowie der fette Halogen-Scheinwerfer. Die Bordspannung betrug
mittlerweile 12 Volt, aber die Startprozedur blieb in ihrer
Sagenhaftigkeit uneingeschränkt erhalten.
Aber viele testoterongeschwängerte pubertierende mit leidlichen Kreidler-Florett-Erfahrungen waren zwar voller Stolz, aber außerstande, eine XT 500 (oder meine SR 500) zu starten.
Vorweg genommen, die große Klappe mühte sich redlich – und hatte Schwein. Der pubertierende starte zwar nicht das Motorrad, aber zum Glück für ihn schlug der Kickstarter nicht zurück. Und um sich schlagen konnte die Dreckskarre! Vornehmlich freitags abends vor irgendwelchen Dorfdiskos im Beisein der Angebeteten... Die Startprozedur war sorgfätig bis zum entscheidenden Punkt vorbereiteit. Der Kickstarter musste nur noch schwungvoll durchgetreten werden, wozu der gesamte Körper elegant mit aller Kraft empor gehoben wurde, um all diese Energie in einem Punkt auf eben jenem Kickstarter zu konzentrieren. Und dann diese peinliche Nummer.
P.S.
E-Starter sind trotzdem für Mädchen (und für alte Knacker wie mich).