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Freitag 27 März 2009
Deutschland 09
Eines muss man der Kompilation lassen: Sie ist in jedem Fall streitbar. Einige Streifen waren befremdlich – vielleicht sogar verstörend, einige waren unterhaltsam und bei anderen wurde die Kamera nur drauf gehalten, um einen dokumentarischen Charakter zu erzielen. Einige Filme waren stark verschlüsselt, andere wiederum recht offen. Dummerweise hatten etliche der Filme mehrere dieser Eigenschaften, so dass man während der guten zwei Stunden aufmerksam bei der Sache bleiben musste, um den Anschluss nicht zu verpassen.
Geboten wurde viel. Meine inhaltlichen Favoriten waren Joshua (David Levy), Fraktur (Hans Steinbichler), Gefährder (Hans Weingartner), Der Name Murat Kunaz (Fatih Akin) oder Eine demokratische Gesprächsrunde zu festgelegten Zeiten (Isabelle Stever). Visuell am reizvollsten waren meines Erachtens nach Krankes Haus (Wolfgang Becker – in der Bildersprache an Lars van Trier angelehnt), Seance (Christoph Hochhäusler), Feierlich reist (Tom Tykwer), Der Weg, den wir nicht zusammen gehen (Dominik Graf) oder Joshua (Daniel Levy). Recht knifflig für mich waren Erster Tag (Angela Schanelec), Feierlich reist (Tom Tykwer – hab' ich das mit dem Label 'Banana Republic' richtig gesehen?) oder Seance (Christoph Hochhäusler).
So, bestimmt hab' ich den einen oder anderen Kurzfilm nicht genannt. Deswegen sollten diese von mir nicht abgewertet werden, denn hinter jedem Streifen stecken Gedanken von Leuten, die sich einen Kopf um Deutschland gemacht haben. Soweit mein erster Eindruck. Aber ich werde noch mal eine Nacht darüber schlafen und morgen mit Sicherheit eine andere Meinung haben. Das, denke ich mal, wird wohl auch die Absicht dieser Kurzfilme gewesen sein. Wozu sonst macht man solche Filme?
Eine kurze Diskussion mit einem meiner Kumpels bezüglich eines der Filme gab es dennoch. Warum hat Akin ein Interview aus der Süddeutschen vom letzten Jahr in einem zweitklassigen Hotelzimmer von zwei Schauspielern nach sprechen lassen? Das dürfte ja wohl schon allgemein bekannt sein, so war der Einwand. Mein Einwand war eher generelles „Nein“. Denn praktisch kaum jemand liest die Süddeutsche – verglichen mit anderen Auflagenzahlen. Und vor allem: Warum sollte sich Akin noch einen Kopf über ein Thema machen, in dem bereits alles gesagt worden ist. Dieses Interview bringt alles auf den Punkt, eine filmische Wiederholung kehrt diese Tatsachen heraus und hält sie im Bewusstsein, Die filmtechnisch eher reduzierte Umsetzung samt dem zweitklassigen Ambiente sowie die pfiffig ausgewählten Darsteller lenken die Aufmerksamkeit auf nichts anderes als den Inhalt.
Mit knapp zwei dutzende Leuten war das Kino stark unterbesetzt, was mich langsam zur Frage der Zielgruppe führt. Denn der Mainstream dürfte sich eher gar nicht angesprochen fühlen. Niemand – naja, fast niemand – gibt im 21. Jh. Geld für eine Filmvorführung aus, in der das eigene Hirn abgeschaltet werden muss. Doch Deutschland 09 verlangt geradezu nach Hirn – nach einer Auseinandersetzung mit politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, die eigentlich jeder deutschen Propaganda spotten müssten.
Schon länger beschleicht mich das Gefühl, das der Journalismus grundsätzlich abgedankt hat. Des weiteren fiel mir in den letzten Jahren auf, das gerade im amerikanische Kino (Hotel Ruanda, Blooddiamonds, Händler des Todes…) viele Themen für die Öffentlichkeit aufbereitet werden, für die sich die dafür etablierten Medien zu schade sind. Vielleicht etabliert sich mit Deutschland 09 so was ähnliches für das hiesige Publikum, aber großartige Hoffnungen sehe ich nicht. Dafür ist Deutschland 09 grundsätzlich zu abstrakt. Wenn sich aber die verschiedenen Erzählweisen dem Mainstream annähern würden, wären sie beliebig, angreifbar, austauschbar und somit ersetzbar.
Deutschland 09 ist trotz seiner Kantigkeit dennoch ein wichtiger Film.